Die Marquise von „O“

Kleists berühmte Novelle von Liebe und Scham und der Selbstfindung des Menschen. Ein abgelegener Landsitz in Italien, eine zurückgezogene Witwe in den besten Jahren. Der Krieg bricht über sie und ihre Familie herein, beinahe wird sie Opfer einer Vergewaltigung. Im letzten Moment kann ein junger, russischer Leutnant sie retten. Ein Engel scheint er ihr zu sein. Wochen später stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Aber von wem? Und wie? Eine ungewöhnliche Suche nach dem Kindsvater beginnt...

 

Es ist eine der rätselhaftesten und ungeheuerlichsten Geschichten über die Liebe und die Scham. Als Heinrich von Kleist 1808 seine Novelle „Die Marquise von O..." veröffentlichte, war die Fachwelt entsetzt, und man kann es ihr nicht verdenken: Selbst gut 200 Jahre und mehrere sexuelle Revolutionen später weiß man zunächst nicht, was man von dieser eigenwilligsten aller Liebesgeschichte halten soll. „Die Marquise von O...“ ist eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und führt seit dem Tode ihres ersten Mannes ein äußerst zurückgezogenes Leben bei ihren Eltern. Sie widmet sich ganz ihren Pflichten als Mutter und Tochter. Dann bricht der Krieg über sie herein. Sie, die Pflichtbewusste, Enthaltsame, wird beinahe das Opfer einer Vergewaltigung. Gerade noch rechtzeitig kann ein junger, russischer Leutnant sie retten. Offenbar fühlen sie sich magisch voneinander angezogen. Ein Engel scheint er ihr zu sein. Sie sinkt in Ohnmacht. Wochen später stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Aber wie? Und von wem? Ihre Eltern verlangen Aufklärung über die Schwangerschaft. Ein heftiger Familienstreit entbrennt, an dessen Ende der Vater sie kurzerhand vor die Tür setzt. Auf die nächstliegende Möglichkeit kommt niemand. Um nicht wahnsinnig zu werden, klammert sich die Marquise an das Einzige, was ihr geblieben ist: das (fremde) Kind (in ihr). Und sie fasst einen ungewöhnlichen Entschluss: dem Spott der Welt zum Trotz veröffentlicht sie in der Zeitung eine Annonce, in der sie den Kindsvater auffordert, sich zu melden. Sie wäre entschlossen, ihn zu heiraten, wer immer er auch sei.


Als Kindsvater meldet sich: der junge, russische Leutnant. Die Eltern sind erleichtert, die Marquise ist erschüttert: ausgerechnet ihr Engel scheint ihr nun ein Teufel. Eine lange Zeit noch ist sie unerbittlich in ihrem Zorn auf sein moralisches Fehlverhalten. Doch schließlich siegen die Liebe und das Verzeihen. In der „Marquise von O...“ variiert Heinrich von Kleist das Grundthema aller seiner Stücke und Erzählungen: „Es muss viel Elend über die Welt kommen, damit sie glücklich werden kann." Erst der Krieg und seine Folgen eröffnen der „Marquise von O...“ den Weg ins Glück - nicht nur durch einen Emanzipations- sondern auch durch einen Selbstfindungsprozess: Die Marquise emanzipiert sich nämlich nicht nur von ihrer Familie und von der Meinung der Leute. Sie gesteht sich schließlich auch ihre über Jahre verdrängte Weiblichkeit und ihre sexuellen Bedürfnisse ein. Erst so wird es ihr möglich, in dem Leutnant den Menschen zu akzeptieren, der seinen Fehler bereut. Er ist weder Engel noch Teufel. Er ist - wie sie selbst - Mensch mit allen Unzulänglichkeiten. Zum Glück und zur Selbstverwirklichung eines Menschen gehört, so scheint uns Kleist sagen zu wollen, nicht nur die Befreiung vom Urteil Anderer, sondern auch die Bereitschaft, sich selbst so zu sehen und zu akzeptieren, wie man ist.

Mit

Regie: Silvia Armbruster
Ausstattung: Stefan Morgenstern
Rechte: Silvia Armbruster
Spielzeit: Termine auf Anfrage
Dauer: ca. 2 Std. 20 Min. (inkl. Pause)